Российская Федерация

Die “Mrozek-Linie”, eine “Sollbruchlinie” in Europa

Veröffentlicht in Die Europäische Union, Die Söldner, Die ehemalige Sowjetunion, Russland, USA by Heribert Schindler am Mai 2nd, 2007

Bedingt durch die Aufregungen der letzten Tage sind einige Nachrichten und Kommentare in den deutschsprachigen Medien im „Blitzlichtgewitter“ auf meinem persönlichem Radarschirm „untergegangen“ und von anderen „Signalen“ überlagert worden. Daher ist mir auch Gisbert Mrozeks Artikel „Die Sollbruchlinie für Europa: Tallinn-Kiew-Tiflis“ auf „Russland-Aktuell“ entgangen.

Mrozek schreibt, es habe sich eine neue Bruchlinie in Europa gebildet, die für schwere politische Erdbeben gut sei. Sie reiche von Tallinn über Kiew nach Tiflis und er habe sie als „Sollbruchlinie“ ausgemacht. Hier könnte Herr Mrozek durchaus richtig liegen.

Der Begriff „Sollbruchlinie“ ist mir geläufig, allerdings habe ich diesen bisher noch nie so deutlich auf die politische Landschaft des heutigen Europas angewendet gesehen. Aus meiner bisherigen beruflichen Laufbahn, welche auch eine fundierte technische Komponente enthielt bevor ich mich gänzlich auf die „kaufmännisch-verwaltende Linie“ festgelegt habe, sind mir die Termini „Sollbruchstelle“ und „Sollbruchlinie“ vertraut.

In der Mechanik bezeichnet eine „Sollbruchlinie“ den genau definierten Verlauf einer Linie, die „Sollbruchstelle“ eine exakt definierte Stelle, in einem Bauteil oder einem Gesamtsystem, das bei Überlastung ähnlich einer elektrischen Sicherung zerstört wird und so größeren Schaden verhindert. Der Bruch des Bauteils oder des Systems an der vorgesehenen Stelle wird meist durch die Kerbwirkung erreicht.

Während ungewollte Brüche in einem Bauteil oder System den Technikern und Ingenieuren Kopfzerbrechen bereiten, und gelegentlich auch zu Panikattacken führen, werden Brüche an „Sollbruchstellen“ und entlang der „Sollbruchlinie“ gelassener gesehen. Diese Brüche sind gewollt, gewünscht und werden billigend hingenommen. Meistens lösen solche Brüche auch Freude und Schulterklopfen aus, da das Bauteil oder System im „Fall der Fälle“ genau jenes getan hat für das es konstruiert wurde.

Als Beispiel hierzu kann man durchaus die Scheibe eines Zugfensters anführen, wie z.B. in den Waggons eines Hochgeschwindigkeitszuges, das konstruiert wurde um hohen Zug- und Druckkräften zu widerstehen und auch um mit hoher Geschwindigkeit auftreffenden Körpern Widerstand zu leisten. Obwohl für Höchstbeanspruchung konstruiert soll diese Scheibe sich in Notsituationen ohne herkulische Kraftaufwendung durch den Reisenden zertrümmern lassen und den Notausstieg ermöglichen.

Neben der oben erläuterten Schutzfunktion können Sollbruchstellen auch dem Zweck dienen, verbrauchte oder abgenutzte Bereiche eines Gebrauchsgegenstandes einfach abtrennen zu können. Zum Beispiel wird bei einer Abbrechklinge durch das Abbrechen eines verbrauchten und stumpfen Klingenabschnittes ein unverbrauchter und scharfer Klingenabschnitt zur Benutzung freigegeben.

Mrozek schreibt es würden entlang der europäischen Sollbruchlinie Feindbilder aufgebaut. Zum Beispiel das Bild vom immer aggressiveren und autoritäreren Russland, vom Energieimperialismus und wiedererwachenden Totalitarismus. Mrozek schreibt jedoch nicht wer die Techniker und Ingenieure dieser Sollbruchlinie sind. Welche „Sicherheit“ soll durch diese Sollbruchlinie geschaffen werden, oder ist die Fragestellung eher für wen Europa (durch das diese Sollbruchlinie verläuft) einen Gebrauchsgegenstand darstellt ? Was soll durch den Bruch „freigegeben werden“ ?

Dies bedarf einer näher gehenden Beleuchtung und Betrachtung.

Die „Mrozek-Linie“ verläuft von Tallinn über Kiew nach Tiflis, also von der Ostsee bis zum Kaspischen Meer, sollte aber bis Baku in Aserbaidschan verlängert werden. Soll diese Linie, ähnlich der „Maginot-Linie“, zwei „verfeindete Parteien“ voneinander trennen und vor (einseitigen) Übergriffen schützen ?

Oder wird der „Gebrauchsgegenstand Europa“, mit einer bewusst und gewollt getriebenen Kerbe, entlang dieser „Sollbruchlinie“ abgebrochen werden um einen als „stumpf geworden“ oder „als überflüssig angesehenen“ Teil des „Gebrauchsgegenstandes“ zu „entfernen“ ?

Die „verlängerte Mrozek-Linie“ würde, bräche hier die „Sollbruchlinie“, einen großen Teil Europas abspalten und erneut einen eisernen Vorhand schaffen. Das Gefährliche, so Mrozek, an dem Riss, der sich in Europa herausbildet, ist, dass er an der Trennungslinie zwischen den alten Kontinentalplatten der Kulturen verläuft – und mindestens einen Staat in zwei Hälften spaltet. In die polnisch-litauisch- k.u.k- katholische Hälfte und die andere russisch-orthodoxe Hälfte auf dem Ostufer des Dnjepr. Ohne große Anstrengung lässt sich dieser Staat identifizieren, es ist die Ukraine.

Wer treibt also diese „Kerbe“ in Europa und zieht damit die „Sollbruchlinie“ durch den Kontinent ? Und wozu ?

Betrachten wir doch einmal die Diskussionen der letzten Monate. Wer unterstützt die Bestrebungen Kriegerdenkmäler aus dem öffentlichen Straßenbild zu entfernen und trennt damit baltische von russischen Mitbürgern ?

Wer finanziert mit Geldern aus den Geheimdienst-Etat die „bunten Kaspereien“ die dazu führen die russische Muttersprache eines großen Bevölkerungsanteils aus Bildungseinrichtungen und dem öffentlichen Leben zu verbannen ? Wer motiviert und ködert kaukasische Nationalisten mit dem NATO-Beitritt ?

Wer mischt sich in Abspaltungsbestrebungen / Wiedervereinigungsbestrebungen ethnischer Minderheiten ein, sei es in Abchasien, Ossetien oder Transnistrien (Trans-Dnjestr / Transnistrische Moldauische Republik) ?

„Last but not Least“, wer beabsichtigt eine „Raketenlinie“ von Norden nach Süden zu ziehen und verhandelt hierzu nicht nur mit Polen und Tschechien sondern seit seit Kurzem auch mit der Ukraine ? Wer „verkauft“ diese Linie als „Verteidigungslinie“ gegen die „Schurkenstaaten“ im Mittleren Osten und Asien ?

Es ist nicht unvorstellbar, dass die „Raketenlinie“ mit der „Mrozek-Linie“ deckungsgleich sein wird. Aus den „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“ dringt, dass angeblich auch mit Dänemark Gespräche über Raketenstationierungen geführt werden / worden sein sollen. Die rationalen Dänen lassen sich aber offensichtlich nicht so einfach ködern, es gibt auch keine nationalistisch-ethnischen Spannungen in Dänemark die sich als Verhandlungsbasis oder als Sprungbrett nutzen ließen. Dänemark lebt mit seinen ethnischen Minderheiten in Eintracht.

Die „Raketenlinie“ könnte aber auch in Tallinn beginnen, über Lettland, Litauen und Polen nach Tschechien, Rumänien und Moldawien und anschließend, über das Schwarze Meer nach Georgien und Aserbaidschan führen. Sicherlich lassen sich auch noch zentral-asiatische „Stans“ für den Plan gewinnen. Geld und „Incentives“ sind ausreichend vorhanden, vielleicht reicht auch schon die Aussicht dem „Russischen Bären“ ans Bein zu pinkeln zu können.

Jeremy Scahill hat in seinem Buch “Blackwater: The Rise of the World’s Most Powerful Mercenary Army“ bereits darauf hingewiesen, dass eine Supermacht längst keine „regulären“ Streitkräfte mehr benötigt um (para-) militärische Schlagkraft und militärisch-wirtschaftliche Interessen auf eine bestimmte Region zu „projizieren“. Scahill weist mit Besorgnis auf die zunehmende Präsenz der „Söldner“ in Zentral-Asien und den „Stans“ hin. Vielleicht ist auch die „Schockwelle“, welche Putins Ankündigung den KSE-Vertrag zu „überdenken“ folgte, in diesem Licht zu sehen. Wird deshalb auf Putins Rede zur „Lage der Nation“ so kritisch reagiert ?

Bevor wir so kritisch auf Putin, den „Marsch der Nichteinverstandenen“ und die Reaktion der Staatsgewalt, die Verstimmung Russlands über den „Bronze-Soldaten von Tallinn“ und „Putins Staatsprogramm“ reagieren sollten wir vielleicht den „Fog of War“, den Nebel des Krieges, zu durchdringen versuchen.

Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal, dass, um klar sehen zu können, oftmals ein Wechsel der Blickrichtung genüge. Vielleicht sollte unsere Blickrichtung von Putins Russland auf die „Mrozek-Linie“ und deren Hintergründe wechseln. Dann könnten wir alle viel klarer sehen.

Auf den Sinn und Zweck der “Raketen für Europa” werde ich noch gesondert eingehen.

6 Responses to 'Die “Mrozek-Linie”, eine “Sollbruchlinie” in Europa'

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  1. ReluctantMuscovite said, on Mai 6th, 2007 at 08:43

    Habe gerade eine Biografie von Peter I gelesen,und was ich besonders interessant fand ist dass seit dem Aufstieg Russlands zur regional - und spaeter welt-macht, dieses vor allem in England auf grossen Widerstand stiess… Vielleicht ist Russland ja einfach nur zu gross, als das man sich in Europa vorstellen kann, dass ein starkes Russland gut fuer Europa ist.

  2. Heribert Schindler said, on Mai 6th, 2007 at 08:59

    Ich glaube die Opposition zu Russland begründet sich nicht in Russlands Größe. Ist es nicht vielmehr so, dass eine bestehende Hegemonie niemals zulassen will das sich ein weiterer Pol bildet ? Sprach Putin in München nicht von der “unipolaren Welt” und seinem Widerstand hierzu ?

  3. Ralf said, on Mai 6th, 2007 at 09:36

    Außerdem: weckt nicht auch der Reichtum dieses Landes die Gier des “Raubtieres Kapitalismus” ? Jelzin war bereit, diese Gier zu befriedigen - Putin ist da weitaus weniger freigiebig …

  4. ReluctantMuscovite said, on Mai 6th, 2007 at 09:56

    Das Problem fuer die bestehenden Hegemone ist nur, dass zur Zeit nichts den Aufstieg Russlands aufhalten kann. Der ‘Westen’ weiss einfach nicht, mit dieser Tatsache umzugehen und hofft, mit den Mitteln vergangener Zeiten sich dagegen wehren zu konnen. Nur, Ideologie hat nicht mehr den Wert, den sie einst hatte, denn Russland bietet ja keine ideologische Alternative, die man untergraben kann. Der Propagandafeldzug gegen Russland ist - meiner Meinung nach - zwecklos. Unangenehm fuer Russland ist er schon, aber nicht potentiell toedlich.

  5. Heribert Schindler said, on Mai 6th, 2007 at 10:22

    Ralf

    Es geht, so glaube ich, nicht um das “Raubtier”, es geht um die Ressourcen. Russland hat sie, Amerika will sie. Im Irak, davon bin ich überzeugt, wird Krieg geführt um die Ressourcen zu sichern, in Russland sollen die UKUSA-Ölfirmen dies auf dem Wege des “business” erreichen. Werfe doch nur einen Blick in einige der “mainstream blogs” (Englisch) und Du wirst feststellen, dass Russland alleine für die Tatsache verteufelt wird das es seine Ressourcen nicht mit den Ölmultis teilen will.

  6. Heribert Schindler said, on Mai 6th, 2007 at 10:25

    RM

    Amerika steckt eben noch viel tiefer (gedanklich) im “Kalten Krieg” als Russland.

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