Russland … mal anders betrachtet …
Neues Russland, alte Stereotype im Westen
(von Lilija Dromaschko - für RIA Novosti)
MOSKAU, 21. Mai 2007 (Link)
Russland sind der Kreml, die Balalaikas und die Matrjoschkas.
Durch die Straßen der verschneiten Städte wandeln Menschen in Uschankas, Bären umarmend. Um sich zu wärmen, trinken Russlands Bewohner Wodka aus einem Samowar. Es gibt da noch das russische Ballett, die russischen Raketen, Panzer und die Kalaschnikows.
Ungefähr so stellten sich die Ausländer vor 20 bis 30 Jahren Russland beziehungsweise die Sowjetunion vor. Durch den Eisernen Vorhang war das wahre Gesicht des Landes schwer zu sehen. Deshalb war auch das Portrait nicht nur unrealistisch, sondern wirkte eher wie eine Karikatur.
Aber auch nach dem Zerfall der UdSSR, den politischen und ökonomischen Umwälzungen hat sich im Ausland die stereotype Wahrnehmung von Russland wenig verändert. Hinzu kamen die Gerüchte über den märchenhaften Reichtum der “Neurussen” und die grausame russische Mafia. Nach wie vor stehen unter den Assoziationen die Kälte und die unübersehbaren schneebedeckten Weiten an erster Stelle. An zweiter Stelle kommen, nach der Erwähnungshäufigkeit zu urteilen, der Kommunismus und die Menschen, die ihn in der Welt verkörperten: Lenin und Stalin. Gut bekannt sind Gorbatschow und Jelzin. Die meisten Ausländer kennen den Familiennamen des derzeitigen russischen Präsidenten. Viele werden die Schriftsteller Tolstoi und Dostojewski, den Komponisten Tschaikowski und den weltweit ersten Kosmonauten Gagarin nennen. Außerdem sind die Russen für die meisten Ausländer arbeitsam und freundlich und die russischen Frauen dazu noch sehr schön.
Dennoch stellen sich uns noch viele Ausländer entweder als einen Feind mit dem über dem “roten Knopf” hängenden Finger oder als einen besoffenen “Iwan” in Filzschuhen und mit einem dummen Gesicht vor. Diese Stereotypen wurden im Westen in den Zeiten des Informationsvakuums geschaffen und aktiv ins Bewusstsein der Menschen eingetrichtert.
Sergej Jastrschembski, Berater des russischen Präsidenten Wladmir Putin, bemerkte gelegentlich: “Das Bild Russlands sieht im Ausland weit düsterer und schwärzer als die reale Wirklichkeit aus. In großem Maße wird Russlands Image in der Welt von ausländischen Journalisten gewoben, die in unserem Land arbeiten.”
Wenn der Name des russischen Präsidenten in die Überschriften ausländischer Massenmedien kommt, handelt es sich in der Regel um die Verhaftung eines Unternehmers oder die Unterdrückung der Andersdenkenden. Eine im Auftrag der russischen Behörden durchgeführte soziologische Befragung zeigte anschaulich, wie ernst das Problem ist. Die Organisatoren der Befragung baten US-Bürger, zehn Begriffe zu nennen, mit denen sie Russland assoziieren. Die vier ersten Positionen nahmen Kommunismus, KGB, Schnee und Mafia ein. Die einzige positive Assoziation - Kultur und Kunst - stand an letzter Stelle.
In der Tat schreiben die westlichen Medien häufiger über die negativen Aspekte von Politik und Leben in Russland, und ausgerechnet unsere Landsleute - ehemalige und heutige - bestätigen nicht selten diese Geschichten. Wahrscheinlich sind wir auch selbst an etwas schuld, wenn auch unsere Neigung, über die traurigsten Lebensereignisse im Lande zu berichten, nicht schlecht oder unrichtig zu nennen wäre. Wir sind eben so. Ausländische Journalisten haben Russland sogar witzig ein Land “mit unvorhersagbarer Vergangenheit” genannt. Für die Russen sind das Streben charakteristisch (mitunter ist es mit Selbstgeißelung verbunden), ständig seine Idole zu stürzen und neue zu errichten, wie auch die Ungeduld, “die alte Welt” zu zerstören. Zudem bewegte uns aus irgendeinem Grund ständig die Frage, wie über die Russen im Ausland gedacht wird.
Aber wie denken wir Russen über uns selbst? Beharrlich halten wir uns für freigebige Menschen, die den irdischen Freuden keineswegs abgeneigt sind. Das heißt natürlich nicht, dass Geld uns nicht interessieren würde, aber es steht nicht an erster Stelle, wird nicht so respektiert wie zum Beispiel von den Amerikanern. Bei den Russen ist alles umgekehrt. Ein guter Mensch kann nicht reich sein, weil ehrliche Arbeit, wie man doch weiß, nicht viel einbringt. Ehrliches Leben und Armut sind für den russischen Menschen quasi Synonyme.
Das Charakteristischste für einen Russen ist ein Gemisch von sorglosem Übermut und Gastfreundschaft. In ihrer überwiegenden Mehrheit sind die Russen von rascher Auffassungsgabe, ja talentiert, doch zugleich damit (obwohl das vielleicht die zwei Seiten ein und derselben Eigenschaft sind) “unwahrscheinlich schlampig”. Die Lotterei hindert sie daran, nach westlichen Begriffen zu leben und erfolgreich zu sein, dafür aber hilft diese Eigenschaft Aufgaben lösen, die den Menschen mit einer anders gearteten Mentalität unlösbar scheinen. Die Fähigkeit, ein Problem unter einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu sehen und es auf eine völlig überraschende Weise zu lösen, ist ein echt russischer Zug.
In den letzten 10 bis 15 Jahren hat die Welt Russland besser kennen gelernt. Ausländer, die nach Russland kommen, erwarten nicht mehr, dass in den Straßen Bären spazieren gehen. Wie sich herausgestellt hat, herrscht auch der Winter in Russland nicht immer und nicht überall. Es gibt zum Beispiel die Stadt Sotschi, wo Palmen wachsen und das Meer warm ist, zudem sind Moskau und Sankt Petersburg europäische Metropolen: sauber, gepflegt, voller glitzernder Reklameschilder und mit einer entwickelten Unterhaltungsindustrie. Die Menschen in der Straße sind gut und geschmackvoll gekleidet. Die Zahl von teuren Automarken ist in Russland nicht geringer als in Europa und Amerika. Um die Anzahl von historischen und architektonischen Sehenswürdigkeiten könnten viele Länder Russland beneiden.
Praktisch alle Ausländer, die in Russland waren, betonen die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Russen. Übrigens braucht man nicht unbedingt nach Russland zu kommen, um es besser kennen zu lernen. Russische Sänger und Musiker treten auf den bekanntesten Bühnen der Welt auf, russische Sportler erkämpfen Medaillen bei international bedeutenden Turnieren, die Bücher der russischen klassischen Schriftsteller sind nach wie vor in weiten Kreisen populär. Also kann jeder, der es wünscht, sich von den Stereotypen befreien und erfahren, was das wahre Russland ist. Hauptsache ist: Dieser Wunsch muss da sein.
Was die Attribute des “Russentums” wie Wodka, Matrjoschkas, Filzschuhe und vieles andere angeht, so hat Russland nicht vor, sie aufzugeben. Lohnt es sich denn, die Stereotypen zu zerstören, die Russland erkennbar machen und längst zu seiner “Visitenkarte” geworden sind?

Intressanter Artikel!
Habe dich übrigends auch auf meinem Blog verlinkt…
Danke, fürs Lesen und für den Link