Düsseldorf / UNO-Hauptquartier * Das Российская Федерация - Weblog war am 11.11.2007, um 11:11 Uhr, bei der Erweckung des Hoppeditz in Düsseldorf anwesend.
Der Hoppeditz wird alljährlich mit dem Beginn der Karnevalszeit am Martinstag, dem 11. November um 11 Uhr 11 zum Leben erweckt. Vom Pferd des Reiterstandbildes von Jan Wellem, auf dem Düsseldorfer Marktplatz vor dem Rathaus, hält er seine lustige und bissige „Eröffnungsrede“ zur neuen Karnevalssession.
Gelegenheit für ein Interview mit dem Российская Федерация -Autor Heribert Schindler.
Frage: Sind Sie enttäuscht, dass Sie bei der Wahl des diesjährigen Hoppeditz, trotz Nominierung, nicht berücksichtigt wurden und Sie die Champagnerkorken nicht knallen lassen dürfen ?
Heribert Schindler (Schmunzelt) “Altbier” bitteschön, ich schreibe immerhin aus Düsseldorf, über alles was mir gerade einfällt. Das bereitgestellte Fässchen “Altbier” habe ich trotzdem angezapft, und mich darüber gefreut, dass ich von allen 577.505 Düsseldorfer Jecken, und theoretisch 577.505 möglichen Kandidaten für die Rolle des Hoppeditz, unter den zehn letzten Nominierten war.
Genau gesagt, ich war exakt der 577.504te Nominierte, da derzeit nur der amtierende Obergerichtsvollzieher noch weniger Humor haben soll als ich. Das Procedere war simpel, ich habe mich selbst dem Auswahlkomitee … per E-Mail … angebiedert, habe persönlich dafür gesorgt, dass mein Name der langen Liste der potentiellen Hoppeditze hinzugefügt wurde.
Natürlich erst nachdem ich von einer “Jury”, bestehend aus einer einzigen Person, nämlich meiner Nachbarin Kunigunde Sockenschuss … genannt “die Altmamsell”, nominiert wurde.
Kunigunde ist über 90 Jahre alt, gebürtig aus Königsberg * Калининград, seit Kriegsende taubblind und dachte eigentlich, dass das selbst gebastelte Nominierungskärtchen eine Empfangsbestätigung für die Schachtel “Merci-Schokolade” sei, die ich ihr mitgebracht hatte.
Die Nominierung von “Российская Федерация” ist für mich dennoch ein deutliches Zeichen dafür, dass Special Interest-Weblogs in Zukunft eine interessante und anerkannte Ergänzung zu den Mainstream-Jecken des Düsseldorfer Karnevals sein werden.
Frage: Womit wir im doppelten Sinne des Wortes beim Thema wären. Wie sind sie zu Ihrem Thema “Russische Föderation” gekommen ?
Heribert Schindler Im Jahre 1990 erhielt ich von Deutschlands größter Trachtengruppe den Auftrag, in die Region Düsseldorf zu reisen, mich dort niederzulassen. Seitdem recherchiere ich dort über leidenschaftliche Altbiertrinker, über verzweifelte Kölschliebhaber, über die soziale Stellung des gemeinen Mettbrötchens auf der rheinischen Kaffeetafel und seit nunmehr 7 Monaten auch über “den dessen Name nicht genannt werden sollte”.
Ich habe im Düsseldorfer Süden aber auch viele starke Menschen kennen gelernt, die ihren Weg im Leben gehen. Um die schlimmen Bilder zu verarbeiten, blieb ich deshalb nicht nur im bevorzugten Düsseldorfer Norden, sondern reiste auch in die entgegengesetzte Ecke dieser riesigen Stadt, auf das linke Ufer des alten Vater Rhein.
Es kam, wie es kommen musste: Ich habe mich in das Städtchen Kleinenbroich verliebt – und in eine charmante deutsche Betriebswirtin, mit der ich mittlerweile glücklich verheiratet bin.
Richtig, dies alles hat nichts mit Russland zu tun, aber das sagt doch nichts aus. Ich bin doch nicht der Einzige, der über das Märchenland schreibt, aber noch nie da war. Wenn man über etwas schreibt, dann muss man doch nicht notwendiger Weise eine Ahnung von der Materie haben. Das Märchenland ist groß, Schneewittchen ist weit … .
Ihr Interesse war damit geweckt. Wieso sind Sie aber Blogger geworden?
Heribert Schindler Als ich Anfang 2007 den ersten „Российская Федерация“-Beitrag schrieb, war das Weblog für mich nur ein „virtuelles Notizbuch“. Erst mit der Zeit merkte ich, welche Möglichkeiten ein Weblog bietet. Ich könnte angeben, lügen, übertreiben, … jeder würde es merken und mich kritisieren wie denjenigen, der noch nie da war.
Was viele als simples „Weblog“ abtun, ist in Wahrheit ein geniales multimediales Trägermedium für Eigenwerbung: Weblogs haben die Vorteile der bekannten Drückerkolonnen, Hausierer, Nepper, Schlepper und Bauernfänger – ohne deren Nachteile wie z.B. eine teure und schwerfällige Infrastruktur.
Ein Blogger braucht nur sein Notebook und Zugang zum Internet, um 1, 2 oder sogar 3 Jubelperser zu erreichen. Wenn es schnell gehen muss, kann er Text, Audio oder Video sogar irgendwo abschreiben und in seinem Weblog publizieren.
So richtig spannend wird das Weblog aber durch die Möglichkeit des sofortigen Zensierens von Kommentaren und der weltweiten Verarschung anderer Blogger. Im „Российская Федерация “-Weblog kommentieren Blogger aus den deutschsprachigen Ländern neben solchen aus Estland oder den USA, aus England sowie natürlich Russland und Kafiristan, aber auch aus dem Reich der Hauselfen.
Ich wiederum kommentiere gerne Beiträge von demjenigen, dessen Name nicht genannt werden sollte.
In nicht einmal einem Jahr habe ich rund um mein Weblog ein aktives Netzwerk mit über 30.000.000.000 magischen Kontakten aufgebaut: Hexen, Zauberer, Hippogreife, Riesen, Todesser, Butterbierverkäufer, Zauberstabhersteller, Schlossgespenster und Elfenrechts-Aktivisten … .
Ein solches Netzwerk ist schwer vorstellbar. Können Sie drei Beispiele auswählen und kurz erklären?
Die magische Journalistin Rita Kimmkorn hat diese Woche bei mir einen Kommentar im “Tagespropheten” bestellt. Ich wiederum bat die Historikerin und Wissenschaftlerin Bathilda Bagshot vor einigen Tagen um die Publikationsgenehmigung eines Nachrufes für den ermordeten Alastor “Madeye” Moody. Dazwischen sendeten mir die beiden Zauberstabfabrikanten Mr. Ollivander (”Ollivanders Zauberstäbe”) und Gospodin Gregorowitsch (”Gregorowitschs Osteuropäische Zauberstäbe”) ihre neuen Fachbücher über Zauberstäbe zur Rezension.
Die Geschichte von Ollivander und Gregorowitsch hat übrigens eine witzige Pointe: Ich merkte schnell, dass ihre Bücher das gleiche Thema und sogar den gleichen Titel haben – „Neue Zauberstäbe“ – und wollte schon darüber schreiben, aber die Neuigkeiten von “dem der nicht genannt werden sollte” waren viel zu verlockend um sie ungestraft vernachlässigen zu können.
Wir reden die ganze Zeit vom „Российская Федерация“-Weblog, was bedeutet der Name Российская Федерация eigentlich?
Heribert Schindler (Schmunzeln) Ich wählte den Namen “Российская Федерация” für mein Weblog, weil er gut klingt.
Wieso schreiben Sie im Российская Федерация-Weblog nicht nur über Russland ?
Heribert Schindler (Schmunzeln) Stimmt. Ich kann über die ganze Welt schreiben, auch in einem Freizeitprojekt. Deshalb fokussiere ich im „Российская Федерация“-Weblog bewusst nicht auf die Russische Föderation. Die Welt ist nicht genug.
Wenn ein “monothematischer Flachblogger” die Bloggerrechte auf unzensiert veröffentlichte Kommentare verletzt, oder Balken biegt, dann muss er sich auch Kritik gefallen lassen. Immerhin behauptet er ja Journalist zu sein.
Ich schreibe gern und häufig Artikel und Kommentare, versuche “den dessen Name nicht genannt werden sollte” in einen Zusammenhang zu stellen und einzuordnen. Die „Российская Федерация“-Leser sind intelligent genug, sich selbst eine Meinung zu bilden.
Wenn einige wenige Leser nach solchen Beiträgen reklamieren, dann ist dies oft auf den „Fummeltrick“ desjenigen zurückzuführen, “dessen Name nicht genannt werden sollte”.
Sie sehen nur diesen einen kritischen Beitrag, oft sogar nur einen kritischen Satz darin – und nicht die Gesamtheit der Märchen, aus tausend und einer Schote, welche bisher im Weblog “von dem dessen Name nicht genannt werden sollte” geschrieben wurden.
Sie betonen selbst, dass “Российская Федерация” ein Freizeitprojekt ist. Wie und vor allem wann entstehen die Beiträge für Ihr Weblog?
Heribert Schindler (Grübel) Ich bin eine Leseratte und lese täglich Milliarden von Zeitungen, Trillionen von Zeitschriften und Millionen Bücher zum allen möglichen Themen. Dazu verwende ich mein Spickoskop, den “Stein der Weisen” über 70 Zauberstäbe aus aller Welt (siehe auch TOP 100 der verzauberten Spiegel) und über 30 Milliarden Suchbegriffe aus der magischen Kommunikation über das Flohnetzwerk.
Wenn ich ein interessantes Thema gefunden habe, dichte ich aus allen mir verfügbaren Quellen (z.B. aus der Bibliothek von Hogwarts oder Durmstrang) weitere “Fakten” dazu. An vielen Orten kann man recherchieren, wie z.B. in der Winkel- oder Nokturnegasse, ebenso in Dissertationen und anderen akademischen Arbeiten des Zaubereiministeriums. Zudem gibt es eine ganze Reihe Orte, wie z.B. den Raum der Wünsche, die Kammer des Schreckens, die heulende Hütte oder Zonkos Scherzartikelladen, wo man “Fakten” erwerben kann.
Die gefundenen “Fakten” vermische und zerlege ich, verfluche und verhexe sie, bis sie mit den Originalquellen nicht mehr übereinstimmen oder nur bei unpassenden Stichworten zu finden sind. Dann muss ich nur noch den Beitrag zaubern. Das geht bei mir aber ziemlich schnell, schließlich war ich bei Xenophilius Lovegood in der Lehre dem Inhaber einer “Nachrichtenagentur”, dem Klitterer.
So entstehen jede Woche neue Flüche, in den späten Abendstunden und an den Wochenenden recherchiert und formuliert, jeweils am nächsten Morgen um acht Uhr ausgesprochen und verteilt.
Sind Sie als Autor “Российская Федерация”-Weblogs ein Blog-Fachmann?
Heribert Schindler (Herzliches Lachen und eine abwehrende Handbewegung) Nein! Definitiv nicht. Blog-Fachleute sind langjährige Zauberer und Autoren wie Albus Dumbledore aus Hogwarts, Igor Karkaroff aus Durmstrag oder Olympe Maxime aus Beauxbatons. Und natürlich gibt es noch “den, dessen Name nicht genannt werden sollte”.
Wenn Sie mich in zehn Jahren und nach den nächsten 6.000.000.000 Flüchen noch einmal fragen, werde ich sicher immer noch mit „Nein“ antworten - aber vielleicht verstehe ich die Zauberei bis dann – und das wäre schon mal nicht schlecht.
Aber Sie sind als Autor des “Российская Федерация”-Weblogs ein Journalist?
Heribert Schindler Ich habe eine magische Ausbildung als Zugbegleiter im Hogwarts-Express und als Stationsvorsteher an den Bahnhöfen King’s Cross (Bahnsteig 9¾) und Hogsmeade absolviert. Danach war ich 15 Jahre als Schiedsrichter tätig, vom Trimagischen Turnier bis zur „Quidditch Weltmeisterschaft“ habe ich alles “gepfiffen”.
Das „Российская Федерация“-Weblog führe ich aber in meiner Freizeit, wobei mir mein magischer Background sicher nicht schadet. Als Freizeit-Blogger bin ich realistisch: Ich kann nicht am späten Abend in zwei Stunden dieselbe Qualität auf den Bildschirm zaubern, für welche die Magier der Mainstream-Blogs den ganzen Tag Zeit und eine je nach Redaktion sogar Recherchenabteilung im Keller haben.
Wieviel haben Sie in das „Российская Федерация“-Weblog investiert ? Und wie viel ist es jetzt wert?
Heribert Schindler (Lacht und beginnt zu rechnen) In 7 Monaten habe ich Milliarden Euro und Trillionen Stunden Freizeit in meine Beiträge investiert, wobei ich den Zeitaufwand nur schätzen kann. Das Einkommen, das ich bisher damit erzielt habe, weiß ich hingegen genau: Ich besitze jetzt mehr verzauberte Münzen als ich brauche, kann mir soviel Butterbier kaufen wie ich will und kann den Fahrenden Ritter so oft nehmen wie ich möchte.
Mit „Российская Федерация“ muss ich kein Geld verdienen, mit einem Weblog wird man auch kaum reich. So wie der Erwerb magischer Zaubergrade keineTitel verleiht, die sich beweisen ließen. Ich bin schon glücklich, wenn ich mal wieder über den, dessen Name nicht genannt werden sollte, herzlich lachen durfte.
(Dieses Interview entstand im November 2007 als Gruppenarbeit während einer UN-Vollversammlung und der Tagung des Nobelpreis-Komitees, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises der Blogosphäre an Heribert Schindler)
Sollte sich jemand nach der Lektüre dieses Beitrages verarscht, verschaukelt oder belogen fühlen, dann geht es ihm so wie mir, nachdem ich diesen Witz hier lesen durfte.