Российская Федерация

Aus Angst vor einem Amoklauf …

Veröffentlicht in Russland, USA by Heribert Schindler am Februar 18th, 2008

… im Weltall fordert anscheinend der ehemalige NASA-Ingenieur James Oberg, dass eine Pistole “aus der internationalen Weltraumstation ISS entfernt wird”.

Oberg sieht in dieser Waffe eine Gefahr. Im Orbit seien die Astronauten einem zu starken Stress ausgesetzt, um eine Waffe in ihrer Nähe haben zu dürfen. Eine Waffe habe daher im Orbit nichts zu suchen.S&W Emergency KitS&W Emergency Kit

Wie er sagte, meiden es sowohl die russischen, als auch die amerikanischen Offiziellen, von der Pistole zu sprechen, obwohl alle von der Waffe an Bord der Raumstation Bescheid wissen.  

Das klingt natürlich höchst dramatisch. Hört man Mr Obergs Ausführungen, dann könnte man annehmen, dass eine geladene Waffe frei in der ISS herumschwebt und nur auf einen Astronauten wartet, den plötzlich und unerwartet der Weltraumkoller befällt und der mit der Pistole ein Massaker unter seinen Weltraumkollegen anrichtet.

Erst in einem Nachsatz wird deutlich, dass besagte Pistole sich an Bord einer angedockten russischen Landekapsel vom Typ Sojus befindet, die dort in einem speziellen “Emergency Kit” zwischen den Sitzen verstaut ist. Sie “schwebt” also keinesfalls frei irgendwo herum.

Schusswaffen an Bord russischer Weltraumkapseln sind weder neu noch außergewöhnlich. Bereits der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall, hatte am 12. April 1961 eine Pistole “im Handschuhfach” seiner Wostok-1 dabei.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen planen die Russen, wie bereits die Sowjets vor ihnen, die Landungen ihrer Raumkapseln “auf Land”. In der Regel sollen die russischen Kapseln auf dem Territorium der russischen Föderation oder Kasachstans landen, allerdings landen sie nicht immer genau dort wo es geplant wurde.

So landete z.B. im Jahre 2003 die Kapsel Sojus TMA-1 nicht dort wo sie sollte.

Ein kleiner Exkurs …  

Sojus TMA-1 wurde durch sein Kontrollsystem zur Erde zurückgeleitet – jedoch wurde sie dabei sehr viel größeren Gravitationskräften ausgesetzt, als dies während des Eintritts erwartet worden war.

Eine Untersuchungskommissiom wurde mit der Aufklärung des Ereignisses beauftragt und berichtete später, dass ein Fehler in einem der Instrumente des Abstieg-Kontrollsystems die Kapsel entlang einer veränderten ballistischen Flugbahn steuerte.

Eine Analyse der Daten von den Flugrekordern an Bord von Sojus TMA-1 deutete darauf hin, dass das Abstieg-Kontrollsystem nicht schnell genug reagierte, als eines der Gyroskope für die Lagekontrolle während der ersten Minuten des Wiedereintritts eine Störung feststellte. Das Kontrollsystem hätte das Zünden der Steuertriebwerke veranlassen müssen, um eine Kursabweichung zu verhindern, aber es tat es nicht.

Resultat: Die Kapsel landete etwa 440 Kilometer entfernt von der angepeilten Landestelle in Kasachstan und die Rettungsmannschaften brauchten zwei Stunden, bis sie das Raumfahrzeug und seine Besatzung gefunden hatten.

Zurück zu Thema …

Wie die Vergangenheit zeigt, eine Landung abseits der gewünschten Koordinaten ist zwar unerwünscht und auch eher selten, kann aber dennoch vorkommen. Und für solche Eventualitäten will man auf  russischer Seite eben gewappnet sein. Den Russen unterstellt man auf amerikanischer Seite schließlich auch, sie gingen nie ohne “Notfallplan” auf den “Donnerbalken”, sie wüssten ja nie was oder wer ihnen da begegnen würde / könnte.

Deshalb gibt es an Bord der russischen Kapseln eben “Emergency Kits” bzw. “Survival Kits”, diese beinhalten auch eine Pistole. “Auch”, aber nicht “ausschließlich”. Notrationen, Aludecken, Trinkwasser, Signalraketen, Signalspiegel, Trillerpfeifen und “Buschfeuerzeuge” sind, neben anderen nützlichen und gegebenenfalls lebensrettenden Dingen, ebenfalls vorhanden. “Selbstmordkapseln” gehören heute eher ins Reich der Legenden als ins Inventar eines “Emergency Kit”, obwohl sie, als die erdnahe Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte, früher tatsächlich vorhanden gewesen sein sollen. “Lieber vergiftet als lebendig verglüht” entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Der Autor dieses Artikels war zwar nie im Weltraum, hat aber bereits den einen oder anderen Ausflug gemacht der in Gegenden führte wo man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein sollte. Und an Bord der genutzten Transportmittel waren ebenfalls “Emergency Kits” vorhanden. Hier mal zwei Beispiele …

S&W Emergency KitMossberg “Just In Case”

Das linke Bild zeigt einen Notfallkoffer der Firma “Smith & Wesson”, der neben einem großkalibrigen Revolver auch diverse andere Utensilien enthält. So auch ein “Handbuch” bezüglich dem Verhalten bei “Bärenangriffen”. (Nein, der Autor des “Handbuches” ist ausnahmsweise mal nicht Herr Vollmer-Orlova.)

Das rechte Bild zeigt einen wasserdichten und schwimmfähigen Zylinder, der eine “Pumpgun” der Firma Mossberg enthält und den aussagekräftigen Namen “JIC - Just in Case” trägt. Neben der Schrotflinte sind ebenfalls diverse “Survivaltools” enthalten.

Ergo, “Emergency Kits”  sind weder selten noch außergewöhnlich. Sie finden sich nicht nur in russischen Raumkapseln sondern auch in fliegenden “Buschtaxis” und anderen Gefährten, aber zugegeben, an Bord der ISS wird man nur schwerlich einem Bären begegnen.

Mit einer Pistole dürfe man gegen einen Bären wohl auch nur wenig ausrichten können, vielleicht aber gegen eine liebestolle amerikanische Astronautin.  

Dennoch ist es höchst zweifelhaft, dass ROSKOSMOS den russischen Kosmonauten eine Pistole in die Tasche packt um sich vor amerikanischen Kolleginnen zu schützen, deren “Raumkoller” richtet sich auch eher gegen weibliche Rivalinnen auf der Erde. Nicht gegen russische Kollegen im Orbit.

Fazit: Richtig gefährlich sind daher wohl eher mangelhafte psychologische Eignungstests als Pistolen in “Emergency Kits”.

2 Responses to 'Aus Angst vor einem Amoklauf …'

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  1. hochhaushex said, on Februar 20th, 2008 at 01:32

    Huch, schon wieder Schießprügel hier bei dir. Nachdem du jüngstens - tyyypisch Mann! ;) -, als die halbe Welt Herzchen malend und Rosen streuend vor sich hin romantelte, die Selbstverteidiger ganz Russlands bis an die Zähne bewaffnet hast.

    Ich fnds zwar auch etwas skurril, dass die ‘ne Pistole mit in’n Weltraum nehmen, aber ich bin ja auch ein Mädchen. *g* Hm, und die Amis sind vielleicht Star-Trek-traumatisiert. “Scotty, beam me up!”

    Aber ich habs ja schon immer gesacht, so eine Erste Allgemeine Verunsicherung soll man nich auf die leichte Schulter nehmen. ;)

    Ach Heribert, und womit hab ich denn diese Blumenbekränzung inner Blogroll verdient? Musst du immer so übertreiben? Machst mich ja ganz verlegen… :oops:

  2. Heribert Schindler said, on Februar 20th, 2008 at 08:48

    Liebes Hexchen, ich finde an der Pistole garnichts skuriles. Sie ist auch nicht “für den Weltraum” gedacht, sondern für “Mütterchen Erde”. Sie dient nicht dazu sich böse Amerikaner vom Leib zu halten, sie dient zur Selbstverteidigung, falls Herr oder Frau Kosmonaut mal weitab vom Zielgebiet landen und längere Zeit auf die Bergungsmannschaft warten müssen.

    Gevatter Wolf ist von einem Loch in seinem Pelz eben mehr beeindruckt als von einer melodisch vorgesungenen Nationalhymne.

    Mir kommt das so vor, als ob sich einer plötzlich über die Schere in meinem Autoverbandkasten aufregen würde … mit der Begründung, dass jemand nach einem Unfall, unter Stress und Schock stehend, mit ihr Harakiri begehen könnte und sie deshalb unbedingt entfernt werden müsse. Und das es unverständlich wäre, dass die “Offiziellen” im Bundesverkehrsministerium es “meiden würden von Scheren in Verbandkästen zu reden” obwohl alle davon wüssten.

    Ich fand es skuriler, dass Herr Oberg (der erklärte “Experte” für die russische Raumfahrt) plötzlich mit so einer “Neuigkeit” herausplatzt, obwohl diese “Neuigkeit” seit den 60ern des 20 Jahrhunderts Standard ist.

    PS: Das Lob in der Blogroll hast Du Dir verdient.

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