Российская Федерация

Kosovo: Ein europäisches Panama ?

Veröffentlicht in Kosovo, Serbien, USA by Heribert Schindler am März 4th, 2008

Der amerikanische Historiker und Autor Carl Kosta Savich vergleicht in seinem Artikel “Engineering Independence: Kosovo and Panama” das Kosovo des Jahres 2008 mit dem Panama des Jahres 1903. Auf den ersten Blick scheint dieser Vergleich etwas weit hergeholt, auf den zweiten Blick sind gewisse Parallelen nicht von der Hand zu weisen.

Bereits vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg im Jahre 1898 stellen die USA, als neuer Spieler auf der geopolitischen Weltkarte, folgendes fest: Will man als Newcomer neben den bisherigen Großmächten Deutschland, England, Frankreich und Russland bestehen, muss man auch deren “Kanonenbootdiplomatie” umsetzten.  Wie erfolgreich die USA diese Politik umsetzten, indem sie die USS Maine nach Havanna schickten und deren Untergang in Folge einer internen Kohlenbunkerexplosion als Kriegsgrund nutzten, steht in den Geschichtsbüchern.

Der Spanisch-Amerikanische Krieg macht die USA zur Großmacht und schaltet Spanien als Rivalen in der Region aus. Die US Navy wird zum Machtinstrument amerikanischer Außenpolitik, sie steht aber vor einem geographischen Problem. Die Kriegshäfen der USA an Ost- und Westküste sind nur über den langen Seeweg um die Südspitze des amerikanischen Kontinents, um Kap Horn herum, verbunden. Atlantik- und Pazifikflotte sind durch einen Seeweg von mehreren tausend Seemeilen voneinander getrennt.

Die Lösung dieses Problems wäre ein Kanal, eine direkte Verbindung zwischen dem Pazifischen Ozean und dem Karibischen Meer.

Das große Problem hierbei ist, dass die geographisch günstigste Stelle für einen solchen Kanal nicht auf dem Terriorium der USA liegt. Sie liegt, im Jahre 1903,  (noch) auf dem Territorum der nördlichsten Provinz Kolumbiens.

Was tun ? Der US-amerikanische Außenminister John Hay wendet sich an seinen kolumbianischen Amtskollegen Tomas Herran und schlägt einen Deal vor. Der lautet: Kolumbien erlaubt den Bau und die Nutzung eines Kanals durch die USA, erhält dafür im Gegenzug eine Einmalzahlung in Höhe von 10 Millionen US$, nebst einer jährlichen Nutzungspauschale von 250 Tausend US$. Für damalige Verhältnisse eine Stange Geld.

Hay und Herran handeln ein Vertragswerk aus, welches allerdings der Ratifizierung beider Regierungen bedarf.

Am 17. März 1903 ratifiziert der US-Kongress erwartungsgemäß das Vertragswerk. In Bogota scheitert es jedoch am 12 August 1903 an der einstimmigen Ablehnung des kolumbianischen Kongresses, man sieht die Souveränität des Landes in Gefahr.

Die Amerikaner bestehen auf “ihrem Kanal”, welche Optionen verbleiben ?

Möglichkeit #1 besteht in einer Neuverhandlung des Vertragswerkes, mit einem deutlich besseren Angebot an die Kolumbianer. Vielleicht lassen sich diese ja die “Souveränitätsbedenken” abkaufen.

Möglichkeit #2 besteht in einer Neuorientierung bezüglich der Projektierung des Kanals. Die USA prüfen einen alternativen Verlauf des zukünftigen Kanals, diesmal auf dem Territorium Nicaraguas.

Möglichkeit #3 besteht aus einer weniger demokratischen Option, der “Unterstützung” einer separatistischen Bewegung in der kolumbianischen Nordprovinz “Panama“, der Anerkennung des dann neu entstehenden autonomen Staates “Panama” und der Aufnahme von Verhandlungen über den Kanalbau mit der “souveränen Regierung Panamas”.

Kolumbien zeigt wenig Interesse an Option #1, Option #2 scheitert an der schwierigeren Ausgangslage beim Kanalbau. Die alternative Strecke, entlang der Grenze zwischen Nicaragua und Costa Rica, wäre 270 Kilometer lang, drei Mal länger als die Strecke in Panama. Diese beträgt nur 82 Kilometer und lässt sich einfacher realisieren.

Also wird Option #3 umgesetzt.

In der kolumbianischen Provinz Panama findet sich eine “Separatistenbewegung”, die unbedingt von Kolumbien unabhängig werden will. Ihr Führer: Manuel Amador Guerrero, besser bekannt als Dr. Amador, ein Arzt der staatlichen kolumbianischen Eisenbahn.

Guerrero reist in die USA, erbittet die Summe von 6 Millionen US$ um seine “Separatistenbewegung” bewaffnen und ausrüsten zu können. Seine “Verhandlungspartner” in den USA sind William Cromwell, ein Sponsor des Kanalprojektes, und Philippe Bunau-Varilla, ein Ingenieur und Staatsbürger Frankreichs, der maßgeblich am Kanalbau beteiligt sein wird.

Bunau-Varilla erhält 100.000 US$ und wird “Verbindungsmann” zwischen der US-Regierung und den “Separatisten”.

Die Planungsphase der “Unabhängigkeit” dauert vom 12. August bis zum 15. Oktober 1903.

Der Plan: Die Provinz Panama erklärt sich für unabhängig, wird unverzüglich von den USA anerkannt und durch die Entsendung von US-Truppen in ihrer “Unabhängigkeit” geschützt. Kolumbien hat das Nachsehen.

Die Umsetzung: Am 26. Oktober 1903 ankern die US-Navy Kriegsschiffe USS Nashville und USS Dixie in Colon, Provinz Panama. An Bord befinden sich 450 Marineinfantristen, bereit die Separatisten militärisch zu unterstützen. Im Pazifik werden USS Marblehead und USS Boston positioniert, um ein Eingreifen der Kolumbianer und deren Marine aus der anderen Richtung zu unterbinden.

Die Kolumbianer entsenden zwar das Kriegsschiff Cartagena, dieses erweist sich der schwerer bewaffneten USS Nashville  aber als unterlegen, und muss am 2. November 1903 unverrichteter Dinge abdrehen. Die kolumbianische Militärgarnison in der Region erkennt die Aussichtslosigkeit der Lage, lässt sich lieber bestechen als zu kämpfen, und bleibt während des “Unabhängigkeitskampfes” passiv.

Das Resultat: Am 3. November 1903 erklärt sich die kolumbianische Provinz Panama für unabhängig, wird umgehend von den USA anerkannt.

Option #3 war letzendlich erfolgreich. Zwei Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung Panamas unterzeichnet die neue Regierung einen Vertrag mit den USA, der Kanal wird gebaut.

Die panamesische Regierung erhält eine Einmalzahlung in Höhe von 10 Millionen US$, nebst einer jährlichen Nutzungspauschale von 250 Tausend US$ - genau der gleiche Deal den man auch den Kolumbianern anbot. Im Gegenzug wird die “Kanalzone” auf unbegrenzte Zeit den Amerikanern überlassen.

Die Amerikaner bilden die Streitkräfte und die Administration der “Republik Panama” aus, rüsten diese aus, der US$ wird alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel und Nationalwährung Panamas, die Amerikaner sorgen sogar für die “Verfassung” und die “Nationalflagge” Panamas.

Die erste Nationalflagge Panamas wird in Highland Falls, New York, von Hand genäht, aus Stoff der vorher im Kaufhaus Macy’s gekauft wurde. Sie ähnelt derjenigen des Bundesstaates Texas, ist rot, weiß und blau, hat sogar zwei Sterne. Erster “Botschafter Panamas” in den USA wird … Philippe Bunau-Varilla, der Ingenieur und Staatsbürger Frankreichs, der maßgeblich am Kanalbau beteiligt sein wird.

Was wird aus Kolumbien ?

Im Jahre 1921 fügen sich die Kolumbianer schließlich in die “Unabhängigkeit” ihrer einstigen Provinz Panama. Nachdem sie 18 Jahre lang widerstanden hatten. Dafür erhalten sie 21 Millionen US$ “Abfindung” von den USA.

Was hat Panama davon ? Es wird im 20 Jahrhundert durchgehend von Diktatoren, Juntas und “Regierungen von Amerikas Gnaden” regiert, im Jahre 1989 gibt es eine weitere US-Amerikanische Militärintervention in Panama, diesmal wird die Marionette Noriega entfernt, nachdem sie seit 1959 auf der Gehaltsliste der CIA stand.

Kosovo scheint tatsächlich das “Panama des 21. Jahrhunderts” zu sein, mit Serbien in der Rolle Kolumbiens. In Panama bauten die Amerikaner 14 Militärbasen und ca. 130 andere Einrichtungen, im Kosovo entstand seit 1999 das Militärlager “Camp Bondsteel”, einer der größten und teuersten Militäreinrichtungen welche die USA jemals außerhalb ihrer Staatsgrenzen errichtete.

Camp Bondsteel bietet Unterkunft für 4000 Soldaten, auf über 3 865 000 m² Fläche bietet sie neben einer Müllverbrennungsanlage auch eine Wasseraufbereitungsanlage, ein eigenes Kraftwerk, ein komplettes Krankenhaus mit mehreren hundert Betten, einen Hubschrauberlandeplatz und riesige Lagerhallen. Die Baukosten betrugen bisher 350 Millionen US$, der Unterhalt kostet den US-Steuerzahler jährlich 50 Millionen US$.

Kein amerikanischer Soldat muss in Camp Bondsteel hungern, schmeckt’s in der Kantine nicht, dann bieten eine Burger King und eine Taco Bell Filiale einen 24-Stunden-Service als Alternative.

Gebaut wurde Camp Bondsteel von Kellogg, Brown and Root (KBR), einem “Contractor” des US-Verteidigungsministeriums.

Last but not leastCamp Bondsteel hat auch einen Spitznamen …

Little Guantanamo.

Es wird im “neuen amerikanischen Kanal” wohl kein Wasser geben, aber wohl eine Menge Tränen. Weinen werden aber wohl kaum die Amerikaner, höchstens aus Heimweh.

2 Responses to 'Kosovo: Ein europäisches Panama ?'

Subscribe to comments with RSS or Trackback to 'Kosovo: Ein europäisches Panama ?'.

  1. Федя Крюков said, on März 5th, 2008 at 21:43

    On the other hand, to contrast with the Panama situation, what is the actual economic or military benefit that the US derives from the occupation of Kosovo? I don’t see any.

    To me, this looks more like a case of misplaced nationalist pride to one’s own detriment.

    Unrelated question, out of curiosity: why do you write “Kosovo” in German? Shouldn’t it be “Kosowo” or maybe “Kossowo”?

  2. Heribert Schindler said, on März 6th, 2008 at 10:52

    Bottom to top …

    Why “Kosovo”, not “Kos(s)owo” ? I agree, “Kos(s)owo” would make more sense regarding German orthography. “Kosovo” is indeed pronounced “Kossowo” in German, a “w” would make more sense as the letter “v” is sometimes pronouced more like “f”. Example: The “V” in “Veilchen” (German for: The Violet / Фиалка) is pronounced “f” like “Fedia” in Федя Крюков ;-)

    The reason might be

    a) to distinguish the Bulgarian region “Polsko Kosowo” from the Serbian province “Kosovo i Metohija” . Although both are pronounced identically, they are written differently in German

    b) to distinguish the Polish city Kosowo (named Sensenfeld 1939-45 ) / the Polish city Kosowo (named Fliederhof 1878-1945 ) from the Serbian province “Kosovo i Metohija”

    c) (the most likely) the German laziness. The Serbian Kosovo received its name from “Kosovo Polje” … the Serbian word “polje” translates to “field” (actually describing a karst field, here: Amselfeld), “kosovo” is a possession-registering adjective. “Kosovo Polje” - “Belongs to Amselfeld” (see: Battle of Kosovo - June 15, 1389)

    Germans are lazy, at least too lazy to say / write “Kosovo Polje” … so it’s simply “Kosovo” in German. Since Germany is no longer permitted to engage in “empire building”, “fascism” and “starting illegal wars of aggression” - and had to transfer the role of the “Herrenmenschen” to the US - Germans degenerated and abolished their “aggressive national character” (although they are still being accused of having this character, almost uniquely by their American “friends”).

    Now …

    What is the actual economic or military benefit that the US derives from the occupation of Kosovo ?

    Economic benefit: Nil

    Military benefit: Another “country” to place “missle shields”, military bases, “Guantanamos”, “Abu Ghoreibs”, Mac Donalds, Taco Bells, … or other things the US taxpayer feels like wasting his money on.

    Political benefit: Another “country” providing a stronghold for the US policy of “devide and rule” in Europe.

    Well, I think that was enough polemics and anti-Amerikanism for today. ;-)

Leave a Reply