Российская Федерация

08 05 08

Gedanken zum 8. Mai

Gespeichert unter: Deutschland, Die ehemalige Sowjet-Union, Russland — Heribert Schindler @ 14:13

Gestern tauschte ich wieder rege eMails mit einem meiner Freunde in Moskau aus. Er ist Chemiker von Beruf, aber auch ein engagierter Historiker. Der Große Vaterländische Krieg hat für ihn, wie für viele seiner Landsleute, eine besondere Bedeutung.

Neben seinen Recherchen in den Archiven ist er auch als “копатель” bzw. “поисковик” unterwegs, was sich wohl am Ehesten als “Ausgräber” und “Sucher” bzw. “Erkunder” übersetzen ließe. Als Mitglied einer staatlich lizensierten - und somit legalen - Gruppe beteiligt er sich an Suchaktionen und Grabungen auf den Schlachtfeldern des großen Krieges, übergibt Grabungsfunde an Museen und Behörden, meldet Fundmunition dem Räumdienst.

Wichtiger für ihn ist jedoch, dass seine Gruppe in den letzten Jahren die sterblichen Überreste dutzender gefallener Soldaten auffinden und identifizieren konnte. So konnten diese Vermissten des Krieges, Freund wie auch Feind, eine würdige Grabstätte finden und dem Vergessen entzogen werden.

Wir sprachen auch über das Kriegsende, in dessen Gedenken auch dieses Jahr wieder Paraden und Feierlichkeiten abgehalten werden.  

In der Russischen Föderation begeht man den День Победы - den Tag des Sieges -  am 9ten Mai. In der Deutschen Demokratischen Republik gedachte man am 8ten Mai, dem offiziellen “Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus” , der 1950 auf Beschluss der Volkskammer als Feiertag eingeführt wurde.

In der Bundesrepublik Deutschland  ist der 8. Mai, weder vor noch nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, nie ein offizieller Feiertag gewesen.

Die Gründe hierfür sind wohl vielschichtig, denn trotz einer Rede des deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker - am 8. Mai 1985 - in der er diesen Tag als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete, hat der 8. Mai in einigen Schichten der deutschen Gesellschaft noch den Charakter des “Tages der bedingungslosen Kapitulation”.

Seit der Rede Weizsäckers, verstärkt noch ab 1995, wird in der Bundesrepublik von diversen Historikern im Vorfeld des 8. Mai stets öffentlich diskutiert, ob an diesem Tag der Aspekt der Befreiung oder eher ein Aspekt der Niederlage im Vordergrund stehen sollte.

Die Debatte zu diesem Punkt dauert bis in die Gegenwart an. Nach der Ansicht einiger Historiker ist der Begriff “Tag der Befreiung” auch deshalb umstritten, da nach deren Auffassung die Sowjetunion für die Bürger der neuen Bundesländer nicht als Befreier kam, sondern den Grundstein für eine neue Diktatur gelegt habe.

So fand 2005 in Berlin, zum 60. Jahrestag, zwar ein „Tag der Demokratie“ statt, aber lediglich das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern erkennt den 8. Mai - seit dem 8. März 2002 -  als staatlichen Gedenktag an, begeht ihn als “Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges”.

Strittig ist auch, ob man diesen Tag - wenn überhaupt - am 8. oder am 9. Mai begehen sollte. Ursächlich hierfür sind weniger die 2 Stunden Zeitdifferenz zwischen Moskau und Berlin, sondern eine “militärische Formalität”.

Nachdem sich Adolf Hitler am 30. April 1945 durch Selbstmord feige aus der Verantwortung stahl , erklärte sein Nachfolger als “Reichspräsident und Oberbefehlshaber” - Karl Dönitz - in einer Rundfunkansprache an das deutsche Volk

„Meine erste Aufgabe ist es, deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten. Nur für dieses Ziel geht der militärische Kampf weiter.“

In diesem Sinne versuchte Dönitz einen Waffenstillstand mit den Westalliierten zu erreichen, nachdem große Teile der deutschen Streitkräfte bereits in den Niederlanden, Italien, Dänemark und sogar im “Reichsgebiet” kapituliert hatten.

Dieser Versuch, den Krieg quasi in einen östlichen und einen westlichen zu teilen, scheiterte jedoch am 06. Mai 1945 im französischen Reims, wo der alliierte Oberbefehlshaber “West” - General Dwight D. Eisenhower - sein operatives Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Eisenhower lehnte den einseitigen Waffenstillstand ab,  woraufhin Dönitz Generaloberst Jodl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes, der ursprünglich nur zum „Abschluss eines Waffenstillstandsabkommens mit dem Hauptquartier des Generals Eisenhower“ befugt war, über Funk zur Unterzeichnung einer bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Truppen ermächtigte. Dies geschah am 7. Mai 1945, in der Zeit von 2:39 bis 2:41 Uhr. Das Ende der Kampfhandlungen, und somit die Kapitulation, sollte am 8. Mai um 23:01 Uhr Mitteleuropäischer Zeit eintreten, somit um 01:01 Uhr Moskauer Zeit.

Der Reichssender Flensburg verkündete daher am 7. Mai um 12:45 Uhr, zum ersten Mal von deutscher Seite her, das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Da die militärische Kapitulation lediglich von Jodl, nicht aber von den Oberbefehlshabern der einzelnen Teilstreitkräfte der deutschen Wehrmacht unterzeichnet werden konnte, wurde ein weiteres Dokument unterzeichnet, das die Ratifizierung dieser Kapitulation durch das Oberkommando der Wehrmacht sowie die  Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Marine beinhaltete.

Dies erfolgte durch Unterzeichnung einer weiteren Kapitulationsurkunde im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst um 0:16 Uhr in der Nacht vom 8. zum 9. Mai durch Generalfeldmarschall Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht und das Heer, Generaladmiral von Friedeburg für die Kriegsmarine und Generaloberst Stumpff für die Luftwaffe, alle drei bevollmächtigt durch Dönitz.

Da in der Sowjetunion die deutsche Kapitulation erst nach diesem Akt akzeptiert und bekanntgegeben wurde, gilt in Russland der 9. Mai als offizielles Kriegsende, während in Deutschland der 8. Mai allgemein akzeptiert wird.

Man könnte ebenfalls darüber diskutieren, ob am 8. Mai der 2. Weltkrieg endete, am 9. Mai aber der Große Vaterländischen Krieg. Für westliche Historiker begann der 2. Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen - am 1. September 1939.

Zu diesem Zeitpunkt waren sich die Sowjetunion und das faschistische Deutschland noch - per Hitler-Stalin Pakt, Molotow-Ribbentrop-Pakt oder Deutsch-Sowjetischem Nichtangriffspakt , je nach Lesart - “freundschaftlich verbunden”. Dies änderte sich erst am 22. Juni 1941, als Deutschland diesen Pakt brach, in der Sowjetunion einmarschierte und damit den Großen Vaterländischen Krieg vom Zaun brach.

Wenn man sich also nicht einigen kann, ob es sich beim Großen Vaterländischen Krieg  und dem 2. Weltkrieg überhaupt um den selben Krieg handelt - beide haben schließlich unterschiedliche Anfangsdaten und sind daher vielleicht “nur” zwei Kriege die “zufällig” zeitweise parallel wüteten - dann darf man sich ruhig auch über den “Tag des Sieges”, den “Tag der Kapitulation” und den “Tag der Befreiung” uneinig sein.

Sollen wir nun auch diejenigen befragen, die der Auffassung sind, dass eine Kapitulation Deutschlands, d. h. des Deutschen Reichs 1945, nach “herrschender Meinung in der Rechtswissenschaft” nie stattgefunden hat ? Das Deutschland zwar besiegt oder befreit wurde, aber nie kapitulierte ?

Glaubt man der vorherrschenden Meinung der Amerikaner, dann haben diese “den Krieg” sowieso im Alleingang gewonnen, wobei sie sich mit den Engländern uneins sind, die selbiges für sich in Anspruch nehmen. Ohnehin scheinen beide Nationen “ihren Krieg” immernoch zu kämpfen, so wie sie auch den kalten Krieg gegen die Sowjetunion - heute gegen Russland - immernoch kämpfen. Ihre fortgesetzte und omnipräsente Phobie - ihre Russophobie wie auch ihre Germanophobie - vermittelt jedenfalls diesen Eindruck.

Wiedemauchsei - einzig sicher ist für mich, dass ich auch morgen wieder eMails aus Russland bekommen werde, in denen mir meine dortigen Freunde zum 9. Mai gratulieren werden, wir gemeinsam an unsere Freundschaft denken werden. Und wir werden feststellen, dass es zwischen Russen und Deutschen unserer Generation keine offenen Rechnungen gibt - wir auch keine neuen Rechnungen aufmachen wollen - und uns gemeinsam über diejenigen ärgern werden, die nicht begriffen haben, dass wir uns auch nicht  aufeinander hetzen lassen wollen.

4 Kommentare »

  1. Also ich gratuliere meiner Frau am 9. Mai zum Sieg, ohne dass sie sich deswegen überlegen fühlt.
    Deinen letzter Absatz ´wiedemauchsei…´ sagt alles, was dazu zu sagen ist.
    Zu den Ansichten der Anderen möchte ich noch anfügen, dass man bei den Amerikanern zwischen dem Volk und seiner Administration unterscheiden muss. Ich halte das Volk für friedliebend.
    Über die Briten kann man hoffentlich Ähnliches sagen, unter Berücksichtigung des vorauseilenden Gehorsams gegenüber den Vettern. Wobei die britischen Medien gerne den Unfrieden schüren.
    M f G researchernet

    Kommentar von researchernet — 09 05 08 @ 08:53

  2. Leider gehöre ich nicht zu denjenigen, die das “Vergnügen” haben tagtäglich mit der “Administration” umgehen zu dürfen. Dafür jedoch zu denjenigen, die mit einer nicht unerheblichen Anzahl an Vertretern des “Volkes” tagtäglich umgehen darf.

    Auch ich halte das “Amerikanische Volk” für friedliebend, jedenfalls solange man ihm zustimmt, dass es Gottes Geschenk an die Menschheit und der einzig seelig machende Hort der Freiheit und der Demokratie ist.

    Stimmt man nicht zu, dann zeigt das “friedliebende Volk” sehr schnell sein wahres Gesicht.

    Kommentar von Heribert Schindler — 09 05 08 @ 11:13

  3. Wenn dem so ist, erkläre ich Dich aufgrund des täglichen Umganges zum Experten.
    Und wenn das stimmt, dann hat die administrativ verordnete Verdummung dorten schon bedenkliche Dimensionen erreicht.
    M f G researchernet

    Kommentar von researchernet — 09 05 08 @ 14:17

  4. Diese “Erklärung” weise ich von mir. Ich bin kein “Experte”, weder für Amerika noch für Russland, nicht einmal für Deutschland. Ich werde dies auch nie von mir behaupten.

    Wenn ich aber kurz überschlage, wieviele Jahre ich nun mit Amerika und Amerikanern Umgang habe / haben musste / haben durfte … , dann kommen da locker 30 Jahre zusammen.

    Die Zahl der Amerikaner, mit denen ich gerne am wenigsten ungerne Umgang habe / hatte, lässt sich an einer Hand abzählen. Wer solche “Freunde” verordnet bekommt, der braucht keine Feinde mehr.

    Wer regelmäßig in einen großen Container voller Äpfel greifen darf / muss, einen faulen Apfel nach dem anderen aus diesem Container zieht, dem fällt es schwer zu glauben, dass es darin auch Äpfel geben soll die nicht faul sind.

    Kommentar von Heribert Schindler — 09 05 08 @ 14:53

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