Российская Федерация

Feindbilder im Lauf der Zeit

Veröffentlicht in Die ehemalige Sowjetunion, Russland, USA by Heribert Schindler am Mai 22nd, 2008

Seit heute ist er wieder unterwegs, zumindest auf den Leinwänden der deutschen Lichtspielhäuser. Der smarteste, tougheste und draufgängerischste Archäologe aller Zeiten schwingt wieder seine Peitsche und bekämpft politically correct die Feinde der Freiheit und der Demokratie. Indiana Jones ist wieder da, zum 4ten Male seit 1981.

Dr. Henry Jones jr. , der sich seinen Spitznamen “Indiana” (Kurzform: “Indy”) vom Familienhund aus Kindertagen borgte, ist nach “Jäger des verlorenen Schatzes” (1981), “Indiana Jones und der Tempel des Todes” (1984) und “Indiana Jones und der letzte Kreuzzug” (1989) nun mit “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” ( 2008 ) wieder unterwegs.

Im Jahre 1981 erfuhren wir, dass die bösen Nazis die geheimnisvolle und verschollene Bundeslade der Bibel mopsen wollten um stets siegreich zu sein. Drei Jahre später gaben die Nazis die “Rolle der Bösen” kurz an dubiose Religionsfanatiker weiter, die als organisierte Verbrecher (in Indien) hinterhältig morden und rauben, um dann 1989 das Zepter wieder an die Nazis zurück zu geben. Diese versuchten sich den Heiligen Gral anzueignen, wohl um dem braunen Adolf Aloisowitsch die Unsterblichkeit zu verschaffen.

Im Jahre 2008, die Nazis sind kurzfristig nicht politisch opportun (und Harrison Ford wohl auch zu alt, um glaubwürdig die Zeitlinie retten zu können), geht der Staffelstab an … na ? … richtig ! … die bösen Sowjets über. Die gottlosen Roten jagen, wie auch Dr. Jones jr., dem kristallenen Schädel einer Mayagottheit hinterher.

Die ersten Filmkritiken zu “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” sind wenig schmeichelhaft, ich möchte mich aber zurückhalten und keinem den Spaß bzw. die Vorfreude verderben. Ein paar Gedanken möchte ich mir aber dennoch machen … zu den Feindbildern in Hollywoodproduktionen und Werken amerikanischer Erfolgsautoren.

Ich weiß nicht ob es dem geneigten Leser ebenfalls auffällt, ich glaube jedoch, dass sich Hollywood und die Autoren am jeweiligen politischen Klima in den USA orientieren, dem vorwiegend amerikanischen Konsumenten genau das vorsetzten, was politisch opportun ist. Besonders auffällig ist es, so meine ich, bei Tom Clancy. Hier eine kurze Chronologie seiner Werke, die auch zur Vorlage mehrerer Hollywoodproduktionen wurden.

Im Erstlingswerk, Jagd auf Roter Oktober (1984), befasst sich Clancy mit den Sowjets. Die USA befinden sich im Kalten Krieg und der Feind ist die UdSSR, demnach kann sich das Feindbild nur auf diese beziehen. Die UdSSR ist böse, aggressiv, kriegslüstern und menschenfeindlich, konstruiert ein geräuschloses Uboot um mit diesem, als Erstschlagswaffe, die USA zu vernichten. Nur dank eines aufrechten Kapitäns der Roten Flotte, der kein Russe sondern Littauer ist, gelingt es den USA diese Waffe in die eigenen Hände zu bekommen und den III. Weltkrieg zu verhindern. Besonders witzig finde ich die unbeabsichtigte Namensgleichheit des linientreuen Politoffiziers der “Roter Oktober” mit einer Persönlichkeit des heutigen Russlands … Putin.

Der Politoffizier, das personifizierte Böse und Schlechte der UdSSR, musste bereits auf den ersten Seiten des Buches, sowie auch in den ersten Minuten der späteren (gleichnamigen) Verfilmung, sterben. Per Genickbruch durch den aufrechten Littauer ermordet.

Im Sturm, dem zweiten Buch aus dem Jahre 1986, und immer noch im Kalten Krieg, brechen die Sowjets den III. Weltkrieg vom Zaun. Sie erobern Island und marschieren in West Deutschland ein. Natürlich scheitern sie am heldenhaften Widerstand der Amerikaner, die erneut in Europa kämpfen um Freiheit und Demokratie gegen eine abscheuliche Diktatur zu verteidigen.

Die Stunde der Patrioten, erschienen im Jahre 1987, widmet sich dann ganz der amerikanisch-britischen Freundschaft. Es herrscht gerade politisches Tauwetter, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow kommen sich näher, die UdSSR eigenet sich vorübergehend nicht als Feindbild. Daher müssen, vertreten durch die IRA, erstmals Terroristen als Bösewichter herhalten.

Der Kardinal im Kreml, aus dem Jahre 1988, rückt dann aber schnell das in Schieflage geratene Weltbild wieder gerade. UdSSR und USA liefern sich wieder den üblichen Wettlauf um die Weltherrschaft, natürlich gewinnen die USA und zwingen sogar den Chef des KGB das politische Lager zu wechseln. Witzig ist hier, und auch dieses konnte Clancy nicht ahnen, dass es heute ebenfalls einen “Namensvetter” des bösen KGB Chefs gibt, der allerdings nicht “ans Überlaufen” denkt. Seine Name … Golowko. ;-)

Der Schattenkrieg aus dem Jahre 1989 ignoriert dann kurzfristig die Rivalität der Supermächte und wendet sich dem neuen “US-Staatsfeind Nr. 1″ zu, den Drogen. Die USA erklären den “War on Drugs” zur Chefsache, gehen militärisch gegen ihren früheren Liebling Noriega in Panama vor, engagieren sich geheimdienstlich in Nicaragua und Kolumbien. Ganz politically incorrect kann Clancy aber dennoch nicht werden, der Chefstratege und Sicherheitschef der Drogenbarone ist Félix Cortez … ein Kubaner.

Mit Das Echo aller Furcht aus dem Jahre 1991 wendet sich Clancy, in den USA ist die UdSSR jetzt zweitrangig geworden und der Krieg gegen die Drogen gescheitert, nun erstmals dem Nahen und Mittleren Osten zu. Den Israelis ist im Laufe des Jom-Kippur-Krieges von 1973 eine Atombombe abhanden gekommen, wird aber Jahre später wieder aufgefunden und fällt in die falschen Hände. Extremisten benutzen sie dazu die USA und die UdSSR in einen Krieg zu stürzen. Interessant ist hier, wie sich Buch und Verfilmung von einander  unterscheiden. Im Jahre 1991 befinden sich die USA in einem Hoch der pro-Israel Stimmung, daher sind die Bösewichte Islamisten. Als “das Echo aller Furcht” aber im Jahre 2002 verfilmt wird, ganz unter dem Eindruck des 11. September 2001 (neudeutsch: 9/11), sind zwar die Islamisten die erklärten Feinde der USA, man braucht aber dringend die Unterstützung der muslimischen Golfstaaten im “War on Terror”. Die USA marschieren in Afghanistan ein, der Golfkrieg von 2003 befindet sich in Vorbereitung. Man darf also den wenigen muslimischen Verbündeten nicht vor den Koffer scheißen den Kopf stoßen und ersetzt, im Film, die Bösewichte kurzerhand durch (mal wieder) die Nazis. Diesmal aber durch österreichische Neonazis und den perfiden Sohn eines in Nürnberg hingerichteten Kriegsverbrechers.

Allerdings kann man die Russen nicht ganz vom Haken lassen, daher sind es auch unzufriedene, unterbezahlte und frustrierte russische Wissenschaftler die in der Ukraine die Atombombe einsatzbereit machen. Natürlich spielt auch ein geldgeiler russischer Luftwaffengeneral den Nazis in die Hände, indem er seine Bomberbestzungen auf einen amerikanischen Flugzeuträger hetzt.

Im Jahre 1993 muss Clancy mit Gnadenlos nun allerdings Erklärungsarbeit leisten, da er in Schattenkrieg und Das Echo aller Furcht plötzlich einen Helden aus dem Hut gezaubert hatte, den er erst einmal erklären muss. Im Gegensatz zu Jack Ryan, dem Überhelden der nun bereits hinlänglich bekannt ist, muss der neue Supermann John Clark erst erläutert und in die Zeitlinie eingebaut werden. Dies geschieht außerhalb der Zeitlinie und mit dem Rückgriff auf den Vietnamkrieg. Vielleicht will man aber auch nur die amerikanische Nation wieder mit ihren ungeliebten Veteranen versöhnen. Amerika liebt eben keine Verlierer, daher waren die Veteranen des Vietnamkrieges jahrzehntelang die Stiefkinder der Nation. 

1994 ist die Welt aber wieder halbwegs in Ordnung gebracht. Die UdSSR ist Geschichte, Wladimir Wladimirowitsch Putin ist noch nicht da, mit Boris Yeltsin ist man befreundet, Russland eignet sich vorübergehend nicht als Feindbild. Der amerikanische Präsident heißt Bill Clinton, Monika Lewinski ist noch nicht aktuell. In Ehrenschuld müssen daher alte Feinde aus der Vergangenheit herhalten … die Japaner.

Japanische Großindustrielle verschwören sich gegen die USA, greifen die US-Börsen an und nehmen Pazifik-Inseln ein. Es droht ein Krieg … der reale US-Wirtschaftskrieg gegen Japan, dem man seinen wirtschaftlichen Erfolg und die Einkaufstouren in USA neidet und übelnimmt, wird kurzerhand zum fiktiven militärischen Konflikt umgemünzt, in dessen Verlauf man es den Schlitzaugen so richtig zeigen kann. Die rächen sich aber mit einem Kamikazeangriff einer japanischen Airline - Boeing 747 auf den US-Kongress … und Clancys Überheld wird endlich Präsident. Jetzt passt es wieder.

In 1996 hat man sich mit den Japanern wieder versöhnt, man hat sie schließlich auf die richtige Größe zurechtgestutzt und wieder gefügig gemacht, einen Kriegsverlierer (hier: II. Weltkrieg) darf man ja nie wohlwollend gegenüber stehen, braucht aber wieder einen Feind. In Befehl von Oben müssen also wieder die Islamisten herhalten, diesmal personifiziert durch den Iran, der quasi im zeitlichen Vorausgriff Saddam Hussein ermordet und sich mit dem Irak zur Vereinigten Islamischen Republik vereinigt. Kurze Gastspiele im “Reich des Bösen” geben auch China und Indien (beide bereits in Ehrenschuld im Lager des Bösen). Hauptakteure sind allerdings die bösen Islamisten, die einen Angriff mit Biowaffen auf die USA starten um jene daran zu hindern in den geplanten Krieg gegen Kuwait und Saudi Arabien einzugreifen. Aber natürlich überleben und gewinnen die Amerikaner. Anders darf es schließlich nicht sein.

1998 ist ein besonders schweres Jahr für Clancy und die USA, Russland eignet sich immer noch nicht als Feindbild, die Schlitzaugen und die Islamisten (letztere vorübergehend) sind ja schließlich abgefertigt. Also widmet man sich in Operation Rainbow den Umweltfreunden und Baumliebhabern, indem man kurzerhand eine elitäre Anti-Terror-Einheit gründet, baskische Separatisten erledigt und die menschliche Rasse vor der Ausrottung durch ein tödliches Virus bewahrt. Da Donald Rumsfeld “Old Europe” noch nicht neu erfunden hat, dürfen auch einige “unruly Europeans” bei Rainbow mitspielen … auch Deutsche. Danke !

Aber 2001 ist, Gott sei Dank, die Welt ja fast wieder heile. Putin ist zwar schon russischer Präsident, man hat aber seine Hörner und seinen Pferdefuß noch nicht entdeckt und Anna Politkowskaja lebt auch noch. Kim Ziegfeld kennt auch noch keiner, die taucht erst 2006 in der Blogosphäre auf. Aber China ist noch da, also werden die Essstäbchen gezückt und die Reisfresser vernascht. Im Zeichen des Drachen greift die Volksrepublik China Russland an, um an Öl und Gold zu gelangen. Präsident Ryan erkennt Taiwan als unabhängig an und die US-Streitkräfte helfen Russland sich gegen die Chinesen zu verteidigen. Außerdem wird Russland, zur Abschreckung der Gegner, in die NATO aufgenommen.

Wegen dieser literarisch-fiktiven Hilfe beißen sich Clancy und das Pentagon noch heute in den Arsch Teppich, hätte man damals doch blos die Reisfresser Chinesen und das neo-sowjetische Russland sich gegenseitig fertigmachen lassen. Das Weltbild wäre heute einfacher. Und Russland in der NATO ? Igittigittigit !

2002 wird wieder einfacher. Politkowskaya lebt zwar immer noch, Ziegfeld ist immer noch nicht da, aber den perfiden Putin hat man endlich durchschaut. Die Neo-Sowjetunion taugt endlich wieder als Feindbild. Hurra ! Die Lösung heißt Red Rabbit, der “rote Hase”. Ein Überläufer aus der (auferstandenen) Sowjetunion liefert Hinweise auf ein geplantes Attentat auf den Papst (den man Karol nennt). Die Bösen sind, neben den Russen Sowjets, nun auch mal die Bulgaren.

Als sich im Jahre 2003 die Möglichkeit bietet Saddam Hussein vom Sockel zu stoßen, schwenkt auch Clancy um und widmet Im Auge des Tigers seine Aufmerksamkeit wieder den Muslimen Islamisten. Jack Ryan geht in Pension, sein Sohn Jack Junior übernimmt die Rolle als Weltenretter, man stellt sich wieder an die Seite Israels und jagt islamistische Terroristen. Ganz im Geiste des 9/11 werden die USA Ziel terroristischer Anschläge, die man aber weitestgehend verhindert, und man spielt “ermordet die Mörder” in einem globalen Spiel. Die Welt ist wieder sicher, die USA werden ihrer Rolle als Weltpolizist gerecht.

— Schnitt —

Seit 2003 ist es ruhig um Clancy geworden, er ist schließlich nicht mehr der Jüngste. Außerdem hat er sich, als Teileigentümer der Baltimore Orioles, ganz dem Major League Baseball gewidmet. Hier betreibt er als Vizepräsident die Öffentlichkeitsarbeit und die “Gemeindeaktivitäten”. Ob er auch als “Chefkommunikator” und “Fundraiser” aktiv ist, ist nicht bekannt.

Zurück zu Dr. Jones jr. Die Frage lautet nun … Д́октор Генри «Индиана» Джонс, младший … nur schlechtes Kino oder politisches Statement Hollywoods ? Wer weiß es ?

4 Responses to 'Feindbilder im Lauf der Zeit'

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  1. researchernet said, on Mai 23rd, 2008 at 13:51

    Am Anfang das Geständnis: Ja, ich habe sie alle gelesen.
    Besonders rückblickend kann man in der Tat die wechselnden Feindbilder dem jeweiligen Zeitgeist zuordnen. Ähnlich übrigens beim Autor Clive Cussler nachzuvollziehen.
    Es fehlen eigentlich nur die Nordkoreaner, aber denen eine wirkungsvolle Fünfte Kolonne mit ausreichendem Budget zu unterstellen ist vielleicht zu phantastisch.
    Und wie geht es weiter? Praktisch nur die Islamisten - von mir unwidersprochen - und die Russen - weil sie wieder ihren Platz in der Weltordnung einzunehmen gedenken- bleiben im Moment.
    Die Südamerikaner fangen auch an, sich unbotmässig zu benehmen…
    Die Chinesen und Japaner müssten nur ihre Dollar-Reserven verkaufen oder verschenken, das wäre schon genug. Und über solch ´reiche´ Partner zieht man ja nicht her.
    Also abwarten.
    M f G researchernet

  2. Jürgen said, on Mai 25th, 2008 at 08:28

    tja, sollen nun Filme eine Weltanschauung prägen oder versuchen die Macher lediglich bestehende Vorurteile in klingende Münze zu verwandeln?

    Roland Emmerich ist Deutscher aber seine Filme sind zugleich “bester amerikanischer Patriotismus”. :)

    Nun, ich habe den neuen “Indy-Film” gesehen. Nach logischen Abläufen habe ich erst gar nicht gesucht. Es ist halt ein nettes Actionspektakel und hat mich unterhalten……. . :)

    Das einzige was mir bei diesen Aktionfilmen immer wieder auffällt: Die “Bösen” sind stets erbärmliche Schützen!

    Gruß Jürgen

  3. Jürgen said, on Mai 25th, 2008 at 11:00

    researchernet, nix scheint phantastisch genug zu sein. Nordkoreas filmische Umsetzung zum Weltschurkenstaat gab es doch auch schon einmal.

    James Bond - Die Another Day

    Ist zwar “Made in UK”. Aber auch in dieser Filmreihe entstiegen die Bösewichte dem Zeitgeist ;) . Unterhaltsam ist`s aber doch……. . :)

    Gruß Jürgen

  4. Heribert Schindler said, on Mai 25th, 2008 at 11:51

    Einen gewaltigen Vorteil hat die Sache schon. Früher, im Kalten Krieg, da musste man Spione und Agenten in die Regierungen in Washington und London einschleusen, um deren “Feindbilder” zu erfahren. Heute braucht man nur die Pförtnergattin der Botschaft ins Kino schicken und man erhält alle Informationen die man braucht ;-)

    Was ich am neuen “Indy” so lustig finde, ist dass er in der “McCarty Era” spielt. Natürlich unterstellt man Indy, er weise “unamerikanische Triebe” auf.

    Und was tut Indy ? Natürlich streitet er alles ab, überlegt aber gleichzeitig einen Lehrauftrag in Deutschland (Leipzig) anzunehmen.

    Leipzig ? Deutschland 1957 ? DDR ? Unamerikanisch ? ;-)

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